Haben wir sie eigentlich noch alle?

Geschrieben von Gunter Steidinger am .

Sind wir eigentlich noch bei Verstand?

Da war es wieder, das kleine Zauberwort. Bei ihrer Pressekonferenz gestern (24.04.2016) in Hannover und den Ansprachen auf der Hannover-Messe betonten Präsident Obama und Kanzlerin Angela Merkel, dass wir alle Anstrengungen unternehmen müssen, um Wachstum in allen Ländern und auf allen Kontinenten zu steigern. Wir brauchen Wachstum zur Sicherung unseres Wohlstands, sagte Präsident Obama. Beifall von allen Seiten.

Doch irgendetwas läuft da gewaltig schief:

  • Die EZB pumpt täglich Milliarden in die Finanzmärkte, um Wachstum zu erzeugen. Kredite gibt es zum Nulltarif.
  • Laut Statistiken sind wir Deutschen in einem Kaufrausch, geben Geld aus wie nie.
  • Die Zahl der Millionäre und Milliardäre nimmt immer noch zu. Vermögen wachsen, Geld ist in unvorstellbaren Mengen vorhanden.
  • Selbst die bewusste und umfassende Täuschung der Öffentlichkeit und der Kunden durch einige große Automobilhersteller schadet den Umsätzen kaum.
  • Die deutsche Wirtschaft exportiert wie noch nie, jährlich steigende Exportanteile können verkündet werden.

Und doch gelingt es laut EZB und OECD nicht, die Wirtschaft generell und in Europa und USA speziell so anzukurbeln, dass die gesetzten, notwendigen Wachstumsziele erreicht werden.

Deshalb meine ich, irgendetwas läuft da schief. Und zwar grundlegend.

Denn:

  • die EZB bietet kostenlos Geld, aber niemand will es
  • wer spart und fürs Alter vorsorgen will, bekommt keine Zinsen; demnächst werden auch Lebensversicherungen uninteressant
  • jetzt bekam die erste Gemeinde, die einen großen Kredit aufnahm, von der kreditgebenden Bank noch einen zweistelligen Millionenbetrag dazu geschenkt. Nur, weil sie diesen Kredit aufnahm!
  • aber wenn ein Gründungsunternehmer Geld für die Verwirklichung einer verrückten Idee bekommen will, bekommt er´s nicht, jedenfalls nicht ohne Sicherheiten
  • zwar nimmt die Zahl der Millionäre und Milliardäre bei uns zu, aber meist nicht durch Arbeit, sondern durch Spekulation an den Börsen oder Erbschaften
  • gleichzeitig melden die statistischen Ämter, dass die Zahl der Menschen und Familien steigt, die ihren Lebensunterhalt - speziell wegen der irrsinnigen Mieten -  nicht decken können durch den Lohn, den sie für ihre Arbeit bekommen; und das, obwohl Sprit und Heizöl derzeit billig sind wie lange nicht
  • in der gerade anschwellenden Rentendebatte betonen die PolitikerInnen, wie wichtig private Vorsorge für das Alter sei; gleichzeitig ist bekannt, dass inzwischen 30% der Haushalte gar nichts zurücklegen können, weil sie zu wenig verdienen (Minijobs, 450-Euro-Jobs, Leiharbeit …)

Wenn das alles so ist, wäre es dann nicht an der Zeit, dieses »alternativlose« Wachstumsparadigma zu überdenken, es vielleicht aufzugeben zugunsten anderer Überzeugungen?

Ihre Strategie ist falsch!

Mit dieser Überschrift über einer ganzseitigen Anzeige in der FAZ und anderen Printmedien warb Prof. Wolfgang Mewes in den 70-er und 80-er Jahren für ein anderes, evolutionäres Verständnis von Wirtschaft sowie wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Wandel.

Strategie ist eben nicht oder nicht nur »der Weg zum Ziel«, sondern Strategie definiert und setzt die Ziele. Ist die Zielsetzung falsch, kann »die Strategie« zur Zielerreichung nicht richtig sein. Ist Wachstum das falsche Ziel, können alle politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen »Strategien« nicht richtig sein.

Höchste Zeit also, sich umzusehen, Alternativen für das offensichtlich versagende Wachstums-Paradigma zu suchen und somit die persönliche Lebens-, Berufs- und Unternehmensstrategie neu anzusetzen. Das versuchen wir im StrategieCentrum Schwarzwald-Bodensee. »Wir«  -  das sind Menschen verschiedener Berufe aus allen Bereichen der Gesellschaft, die miteinander nach neuen Antworten auf die drängenden Fragen suchen.

Not-Wendigkeit heißt, Not zu wenden. Wer die allseits beklagte Not des not-wendigen, aber zu geringen Wachstums wenden will, muss versuchen herauszufinden, was die Not verursacht hat, um dann die Ursache zu ändern oder zu beseitigen, anstatt weiter und immer mehr Geld und Energie zu investieren. Denn:

Wenn das Paradigma (Wachstum ist alternativlos) bzw. das Ziel (Wachstum) falsch ist, wird die Energie verpuffen, die man in die Zielerreichung investiert.